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Das Jüdische Museum Rendsburg
Von Frauke Dettmer

Die ehemalige Synagoge an der Prinzessinstraße.
Foto: Schleswig-Holsteinische Landesmuseen 2006
Einleitung:
Von der jüdischen Geschichte Schleswig-Holsteins ist nach den Verwüstungen zwischen 1933 und 1945 und dem Abriss der letzten baufälligen Synagogen zu Beginn der 1960er Jahre nicht viel an sichtbaren Denkmälern geblieben. Umso glücklicher kann sich die Stadt Rendsburg schätzen, dass hier Synagoge, Ritualbad und Talmud-Tora-Schule erhalten blieben. In diesem Komplex befindet sich seit 1985/88 das Jüdische Museum Rendsburg, seit 2002 Dependance der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloß Gottorf. Als einziges jüdisches Museum im hohen Norden Deutschlands ermöglicht es mit seinen drei Sammlungs- und Dauerausstellungsschwerpunkten die intensive Beschäftigung mit dem religiösen Leben, mit der jüdischen Landesgeschichte Schleswig-Holsteins und darüber hinaus mit Künstlern, die von den Nationalsozialisten als Juden verfolgt wurden oder mit Kunst, die jüdische Verhältnisse sichtbar und spürbar macht.
Das Dokumentieren und Vermitteln, aber auch das Gedenken gehören ebenso zum Konzept wie ein breit gefächertes Angebot an Ausstellungen, die in zwei kleinen Häusern über den stimmungsvollen Hof vom Hauptgebäude aus erreichbar sind. Die Ausstellungen knüpfen an die Themen der Sammlungen an, vertiefen und ergänzen sie und lassen auf weit gefasste Weise immer wieder die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aspekten jüdischer Geschichte und Kultur zu. Kein Dogmatismus und keine orthodoxe Lehranstalt begegnet dem Besucher, vielmehr ein inspirierendes weltoffenes und orientierungsfreudiges Museum.
Die älteste in Schleswig-Holstein erhaltene Synagoge mit dem Betsaal bildet das Zentrum der Rendsburger Anlage. Mit ihren zahlreichen authentischen Details steht sie seit 1980 unter Denkmalschutz. Wer sich mit dem Auto oder der Bahn auf den Weg macht und im reizvollen Stadtquartier Neuwerk vom Paradeplatz aus das Jüdische Museum aufsucht, wird schnell feststellen, daß er ein Kleinod entdeckt hat, für das sich ein Besuch abseits von Ost- und Nordseestrand lohnt. Von der großen Nord-Süd-Achse Deutschlands aus, der A 7, erreicht man es in nur 10 Minuten, und vom Bahnhof aus sind es 8 Minuten zu Fuß. Ein Museum also zum Anfassen nah, das mit seinen spannenden Programmen von Max Liebermann über Ludwig Meidner bis zu Daniel Spoerri und amerikanischem Modeschmuck reicht.
Die jüdische Gemeinde in der Festungsstadt Rendsburg:
Noch heute, nach über 300 Jahren, ist die Anlage des barocken Festungsviertels Neuwerk vom Ende des 17. Jahrhunderts südlich der Altstadt Rendsburgs deutlich zu erkennen, wenn auch die Mauern unter den neuen preußischen Landesherren ab 1873 geschleift wurden. In der südöstlich gelegenen Prinzessinstraße durfte die jüdische Gemeinde ihre gottesdienstlichen Räume einrichten, die seit 1712 urkundlich belegt sind. 1692, im Zuge des Ausbaus der Stadt Rendsburg zur dänischen Großfestung, wurde eigens ein königlich-dänisches Privileg erlassen, das die jüdische Minderheit zur Niederlassung im eben gegründeten Neuwerk aufforderte. Bedingung war der Bau oder Erwerb eines Hauses. Zu den Privilegien gehörten der kostenlose Bauplatz ebenso wie die Freiheit von Einquartierung für eine bestimmte Zeit. Auch wurde in einem gewissen Rahmen Handelsfreiheit in Aussicht gestellt. Die Religion durfte frei, wenn auch nicht öffentlich mit allen dafür erforderlichen Kultusbeamten ausgeübt werden. Und es galt ein weiteres entscheidendes Privileg: Den Hausbesitzern wurde der rechtliche Status des Ortsbürgers, wenn auch eingeschränkten Rechts, gewährt. Mit diesen stadtplanerisch und ökonomisch motivierten Privilegien für die Minderheit gehörte Rendsburg-Neuwerk zu den sogenannten religiösen Freistätten oder Toleranzstädten wie Altona (heute Stadtteil Hamburgs), Glückstadt und Friedrichstadt, eine schleswig-holsteinische Besonderheit.
Bedenkt man den damals üblichen rechtlichen Status als „Schutzjude“ vor der Gleichstellung (1850er/1860er Jahre), so wird deutlich, was das Leben in einer Toleranzstadt bedeutete: Ein Ortsbürger, auch wenn er keine politischen Rechte besaß, konnte nicht einfach aus der Stadt gejagt werden. Auch als Hausvater besaß ein Jude verbriefte Rechte zu einer Zeit, in der anderswo Juden der Hausbesitz strikt verboten war. Die freie Ausübung der Religion war ebenfalls keineswegs überall selbstverständlich gewährtes Recht. Dazu gehörte auch die Anlage des Friedhofs, den die Rendsburger Juden 1695 außerhalb der Festung in Westerrönfeld einrichten durften.
Bäder, Friedhof, Synagogen
Die ersten Juden ließen sich ab 1693 im Neuwerk nieder, Tür an Tür mit den christlichen Neubürgern. Die Gemeinde entwickelte sich zu einem religiösen Zentrum, das bis zur Gleichstellung der Juden neben der bei weitem größten und bedeutendsten Gemeinde Altona im Landesteil Holstein eine gewichtige Rolle spielte, auch wenn die Mitgliederzahl 300 nie überstieg. Zur Gemeinde gehörten im 18. und 19. Jahrhundert gelehrte Männer mit familiären Verbindungen zu großen Rabbinerfamilien in Deutschland und Dänemark. 1732 errichtete die Gemeinde auf dem Gelände Prinzessinstraße die erste Synagoge, von der lediglich ein Inventar überliefert ist, 1756 ein Talmud-Tora- Lehrhaus für Erwachsene. Der Begräbnisplatz hatte die Funktion eines Zentralfriedhofs. Über 1100 Tote aus vielen Teilen Schleswig-Holsteins wurden hier beerdigt. Heute sind nur noch etwa 200 Grabanlagen erkennbar.

Betsaal mit Blick auf die Empore. Links die Toraschreinnische.
Foto: Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen 2006
1844/45 konnte mit dem Legat eines Hamburger Gemeindemitglieds die alte baufällige Synagoge durch einen Neubau ersetzt werden. Auch das Ritualbad im Keller des Vorderhauses wurde neu eingerichtet. Der Betsaal war für etwa 100 männliche Beter angelegt, auf der Empore fanden 40 Frauen Platz. Die Gemeinde hatte ganz offensichtlich nicht mit der dramatischen Abwanderung gerechnet, die kurz nach dem Synagogenbau einsetzte. Schon vor dem Emanzipationsgesetz für den Landesteil Holstein von 1863, das die Freizügigkeit offiziell erlaubte, verließ die junge Generation die jetzt als einengend empfundene kleine Festungsstadt, um in größere Städte zu ziehen. Um 1900 bestand die Gemeinde nur noch aus 60, um 1933 aus 30 Mitgliedern.
In der „Reichskristallnacht“ im November 1938 wurde der Toraschrein gezielt von Nazis mit einem Sprengsatz zerstört. Von einer Zerstörung des Gebäudes sah man ab, da schon bekannt war, dass der Komplex „arisiert“ werden sollte. Ab 1939 wurde die Synagoge als Fischräucherei genutzt. Das zweite Schulhaus aus den 1830er Jahren, schon zu Gemeindezeiten als Wohnhaus vermietet, blieb Wohnhaus. Auch der Friedhof musste abgegeben werden an den Rendsburger Schützenverein, der auf dem unbelegten Gelände eine Schießbahn einrichtete. Mit dem Suizid des Gemeindevorstehers Julius Magnus und seiner Frau Frieda im Juli 1942 erlosch die Israelitische Gemeinde zu Rendsburg nach fast 250 Jahren.
Als älteste erhaltene Synagoge in Schleswig-Holstein und darüber hinaus, zumal aus der Zeit vor der rechtlichen und bürgerlichen Gleichstellung stammend, gewinnt das Gebäude seine ganz besondere Bedeutung. In Schleswig-Holstein ist daneben aus der gleichen Bauzeit lediglich die Synagoge in Friedrichstadt erhalten, allerdings baulich nach November 1938 außen und vor allem innen komplett verändert. Die jüngere Lübecker Synagoge (1884 eingeweiht), die als einzige seit Kriegsende wieder als Gotteshaus genutzt wird, mußte ebenfalls in der NS-Zeit radikale bauliche Veränderungen an der ursprünglich im maurischen Stil gestalteten Fassade erleben und verlor dabei auch die krönende Kuppel.
Das Museum, seine Dauerausstellungen und Aktivitäten
Auf der Frauenempore führt ein Rundgang durch die Feste und Feiern im Jahr vom Neujahrsfest (Rosch Haschana) bis hin zum Wochenfest (Schawuot). Neben den einführenden Texten sind es vor allem die Objekte, die die symbolträchtige reiche jüdische Festkultur veranschaulichen. Ein Teil der rituellen Gegenstände stammt aus dem Antiquitätenhandel wie etwa die Torarolle oder die Silberdose in Form der Zitrusfrucht Etrog, die Bestandteil des Laubhüttenfestes ist. Andere Gegenstände aus dem heutigen Israel und den USA sollen ganz bewusst die jugendlichen Besucher ansprechen wie die Sammlung bunter Kippot (Kopfbedeckung für die Jungen und Männer) mit bekannten Comicfiguren.

Tora aus Plüsch für die Kleinsten zum Torafreudenfest, USA.
Foto: Ina Passig
Als wichtigsten Schatz hütet das Museum allerdings jene Gegenstände, die von überlebenden Juden aus Schleswig-Holstein gestiftet wurden. Ihre Authentizität und das Vertrauen, das sich in diesen Geschenken ausdrückt, macht ihren besonderen Wert aus. Dazu gehören etwa eine Reihe Gebetbücher aus dem 19. und 20. Jahrhundert.
Im Nebenraum, der früher als „Wintersynagoge“ genutzt wurde, wird ein Blick auf die intimeren Feste und Feiern im Lebenslauf und im Haus geworfen. Beschneidung, Bar und Bat Mizwa (religiöse Volljährigkeit), Hochzeit und Tod, aber auch Schabbat und jüdische Küche stehen hier im Mittelpunkt. Auch in diesem Teil der Dauerausstellung zum religiösen Leben wird dank der Stiftungen ein Teil des schleswig-holsteinischen jüdischen Erbes bewahrt.

Gedenkwand im Hof für die als Juden verfolgten Rendsburger Bürger und Bürgerinnen.
Foto: Dorothea Berg
Im Erdgeschoss der früheren Schule kann der Besucher einen Gang durch die jüdische Geschichte Schleswig-Holsteins antreten. In fünf Kabinetten wird mit Photos, Dokumenten und Objekten deutlich, dass es eine Geschichte vor 1933 und nach 1945 gab und gibt. Die Geschichte der Juden darf nicht auf eine Opfergeschichte verkürzt werden. Die Dokumentation zeigt, dass sich der genaue Blick auf die regionalen Besonderheiten lohnt, etwa auf die "religiösen Freistätten" oder "Toleranzstädte", die vor der Gleichberechtigung den Juden wesentlich bessere Lebensbedingungen boten als damals an anderen Orten üblich. Warum gleichwohl die Verfolgungen der Nazizeit auch in den Städten mit liberaler Tradition abliefen wie überall, soll eine der Fragen sein, mit denen der Besucher entlassen wird und die vielleicht als Anstoß zu weiterer Beschäftigung wirken wird.
Der dritte Schwerpunkt, Kunst von Künstlern, die 1933 bis 1945 als Juden verfolgt wurden, knüpft an das Thema Verfolgung an, ist allerdings prinzipiell überregional angelegt. Die Sammlung im Obergeschoss der Schule zeigt aus dem reichen Fundus der Stiftung Landesmuseen eine prägnante Auswahl von Gemälden und Plastiken von Künstlern, deren Leben und Schaffen dem gewaltsamen Zugriff durch die Nationalsozialisten ausgesetzt war. Max Liebermann traf es am Ende seines Lebens. Andere Künstler wie Felix Nussbaum wurden am Beginn einer großen Karriere stehend zu Gejagten ohne Überlebenschance. Die kompakte Sammlung läßt selbst Kenner noch Unbekanntes entdecken wie etwa die Kleinplastiken Moissey Kogans und Josef Hebronis.
Die vielfältige Ausstellungstätigkeit in den Hofgebäuden (Julius-Magnus-Haus) ermöglicht die Begegnung mit wichtigen Positionen der Kunst, mit oft überrraschenden Themen der Kulturgeschichte und mit vor allem auf Jugendliche zugeschnittenen Kapiteln der Geschichte.
Ist die Synagoge auch nicht mehr das Zentrum einer Gemeinde, so dient sie doch nach wie vor der lebendigen Kommunikation. Besonders deutlich wird dies während der langjährigen Veranstaltungsreihe "Novembertage", intensive Wochen, die auf dem Hintergrund des Gedenkens an den Novemberpogrom von 1938 zahlreiche jüdische Themen mit kompetenten Gästen bündeln.

Ralph Giordano als Gast des Museums und der Stiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten, November 2006.
Foto: Kirk Bock
Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar, wird in Rendsburg auf stille nachhaltige Weise gemeinsam mit den Schleswig-Holsteinischen Landtag zentral für das Land begangen wird.
Als authentischer Ort des deutsch-jüdischen Lebens ermöglicht das Jüdische Museum, Judentum als Teil unserer regionalen und überregionalen Geschichte und Kultur sichtbar und begreifbar zu machen. Jeder Raum, jeder Gegenstand im Haus erzählt über die Bau- und Gemeindegeschichte hinaus die Geschichte der Menschen, die hier einmal ein- und ausgingen. Der aufmerksame Besucher wird hinter den Steinen ihre Spuren finden.
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